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Publikation
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Bound by wild desire - I fell into a ring of fire (Zur Kunst von Susanne Rottenbacher)
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ersch. in
Susanne Rottenbacher - Recent Works
2016
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Hrsg.
Strzelecki
Bound by wild desire - I fell into a ring of fire
Zur Kunst von Susanne Rottenbacher

Julia Ritterskamp

Country-Ikone Johnny Cash besingt in den frühen 1960er Jahren die Feuerringe (der Liebe). In diese kann man abstürzen, wenn man nicht gut auf sich aufpasst. Geradezu einen Gegenpol hierzu stellt die Arbeit von Susanne Rottenbacher dar. Zwar hat man auch Leuchtringe und –formen vor Augen, doch scheinen sie den Betrachter eher nach oben als nach unten zu ziehen. Das gute alte Thema: Himmel und Hölle, du musst Dich entscheiden, denn zwei Felder sind frei.

Ihr Medium ist also das Licht. Jedoch nicht die heiße Flamme, sondern kühles LED. Licht ist zugleich Materie und Energie, denn es regt einerseits Leben an und ist andererseits in der Form von Teilchen tote Masse. Physische und metaphysische Eigenschaften vereinen sich in diesem Phänomen.

Eine schöne Parallele zu diesen konträren Eigenschaften des Lichts als Phänomen ist der Effekt, den die Einbeziehung des jeweiligen Umraums in die Installationen und Objekte der in Berlin lebenden Künstlerin verursacht: Durch das Licht löst sich die Grenze des einzelnen Kunstwerkes optisch auf und doch bleibt es rein materiell betrachtet ein in sich geschlossenes Ding. Und die Ambivalenzen lassen sich ohne Mühe weiter spinnen: zwar strebt die Rottenbacher in ihrer Arbeit Ruhe, Konzentration und Stille an und tendiert zu Aufgeräumtheit und Perfektion, doch darf gleichzeitig Ordnung nicht mit einem krampfhaften Festhalten am Gegebenen gleichgesetzt werden, da dies nur zu Erstarrung führen würde. Man findet diese scheinbar gegensätzlichen Ideen in ihren Werken wieder: Sie sind durchweg geplant, klar und auf den Punkt gebracht, was sie bedingt durch künstlerische Technik und Produktionsabläufe auch sein müssen. Dennoch sind sie in ihrer ästhetischen Wirkung überaus facettenreich und wandelbar. Letzteres auf der einen Seite durch das Einbeziehen von Umgebung und der Person des Betrachters im Rahmen von deren Spiegelung in den Lichtkörpern. Andererseits aber auch durch das natürliche Licht von außen, welches in der Nacht eine kräftige und strahlende Wirkung hervorruft, am Tag hingegen die Werke zarter und farblich pastelliger erscheinen lässt.

Bekannt wurde Susanne Rottenbacher zunächst mit ihren Farbräumen: Bildkästen aus Plexiglas, in denen sie abstrakte Malerei aus horizontalen Farbstreifen mit Licht und Zeitschaltungen kombinierte. Diese Werke stehen als künstlerische Objekte meist noch singulär für sich. Die Werkphase stellt bereits den ersten wichtigen Schritt vom Kunstwerk an der Wand hinein in den Raum dar: durch die Erweiterung in die dritte Dimension in Form des Kastens einerseits, sowie darüber hinaus – und ganz entscheidend - durch den Einsatz des Lichtes ins Grenzenlose andererseits.

Seit 2009 weitet sich das Spektrum ihrer Ausdrucksformen und die Lichtringe kommen zu den Farbräumen hinzu. Zu mehreren frei hängend oder aber auf dem Boden arrangiert entstehen die ersten raumgreifenden Kompositionen aus Anordnungen von Halbkreisen und vollständigen Ringen. Diese bestehen aus Plexiglaskörpern verschiedener Art, teils bedruckt oder bemalt, teils durchsichtig und teils opak. In ihrem Inneren sind einzelne LED-Leuchten in einem Drahtgeflecht regelmäßig arrangiert. Diese Gruppen von Ringen nehmen nun Bezug auf räumliche Situationen im Innen- und Außenbereich. Sie verändern so den gegebenen Ort gleichzeitig durch ihre materielle Gegenwart an sich und darüber hinaus durch ihre – wörtlich genommen – „Ausstrahlung“. Ein weiterer Aspekt ist, dass die Ringform Teile des Umraums physisch umschließt. Dies bedeutet eine Befreiung der künstlerisch hergestellten Form, sowie das gegenseitige Durchdringen und Eischließen von Kunst und Raum – zwei Aspekte, die für die Arbeit der Künstlerin charakteristisch sind. Apropos „charakteristisch“: Diesen Lichtinstallationen merkt man durchgängig die souveräne Beherrschung des jeweiligen Raumes an. Das ist nicht verwunderlich, denn Susanne Rottenbacher studierte Bühnenbild am Barnard College, Columbia University in New York und Lichtbild an der Bartlett School of Architecture and Planning in London.

Eine zusätzliche neue Freiheit in der Formgebung gewährt der 2014 für ihre Einzelausstellung Whiplash in the Dark in der Kölner Galerie Teapot erstmals verwendete Spezialschlauch, in dem die LEDs verschwinden, wodurch ein gleichmäßiges (statt punktuell konzentriertes) Leuchten entstehen kann. Susanne Rottenbacher ist nun in der Lage, mit Licht zu schreiben. Nicht im Sinne des seit Ende der 1960er Jahre – meist konzeptuell begründeten – Gebrauchs der Leuchtschrift in der bildenden Kunst, sondern vielmehr als eine Art geheimnisvolle Kalligraphie oder Graffiti, welches sich als freie Schwünge im Raum visualisiert.

Eine virtuose Kulmination verschiedener Ansätze und Werkstränge Rottenbachers stellt die 2015 für den 11m2 Kunst- und Projektraum in Berlin konzipierte Installation The Looking Glass Room’s Exploding Light Inevitable dar. Die Wände des an sich kleinen Raums sind mit spiegelnden Streifen beklebt, was seine Dimension optisch vervielfacht. In diesen Spiegelstreifen sowie im Fensterglas spiegelt sich die für Susanne Rottenbacher ungewöhnlich wilde Anordnung aus weißen LED-Schläuchen und Kunststoff-Körpern mit Licht in Rot- und Gelbtönen. Sie scheinen – ein Gegensatz zu der tatsächlichen Starre der Kunststoff-Körper – regelrecht durch den Raum zu flitzen: temporeich wie Blitze. Auch vor der Treppe nach draußen machen sie nicht halt, ebenso wenig vor einem scheinbaren Fenster zum Flur, welches sich dann aber doch als Spiegel herausstellen wird.

Demgegenüber ist die Ende 2015 entstandene Installation Ring, Ring, Ring auf den ersten Blick geordneter angelegt und von hohem Wiedererkennungswert hinsichtlich des prägnanten Stils der Künstlerin. Ringe in verschiedenen Größen und Farbkompositionen durchdringen und berühren sich in Gruppen mit einer jeweils unterschiedlichen Anzahl an Protagonisten. Der Begriff „Protagonisten“ ist hier durchaus mit Bedacht gewählt, denn es entsteht der Eindruck von größeren und kleineren „Ring-Familien“, die frei im Raum tanzen und zu kommunizieren scheinen.

Betrachtet man die Arbeiten von Susanne Rottenbacher unter den Aspekten Bewegung, Musik und Tanz, mag vielleicht dem einen oder anderen die Parallele zum Ballett einfallen: Technische Herausforderungen und die Mühe, diese erfolgreich zu bewältigen, verschwinden letztendlich hinter dem Zauber der Leichtigkeit des Ergebnisses. Über diese Analogie zum Ballett gelangt man zu einer kunsthistorischen Theorie über die Datierung der Entstehung der Lichtkunst. 1892 debütierte die amerikanische Tänzerin Loïe Fuller in Paris mit einer Choreographie als lebendige Lichtskulptur. „Ich forme Licht“, stellte Fuller fest und betonte die Wichtigkeit von bildender Kunst als ästhetische Gegenwelt. Beiden Künstlerinnen ist der Wunsch nach etwas Grenzüberschreitendem ein entscheidender Motor.

Seit neuestem gibt es im Werk Rottenbachers auch Multiples, was als eine logische Konsequenz aus ihrer Arbeitsweise benannt werden kann. Warum das? Der Ansatz Rottenbachers hat bei allem intellektuellen Anspruch, mit dem man ihm begegnen kann auch eine demokratische Komponente: er trägt in besonders ausgeprägter Weise dem kollektiven Bedürfnis nach einem Sichtbarmachen von Transparenz Rechnung. Susanne Rottenbacher lässt im wahrsten Sinne des Wortes niemanden „im Dunkeln stehen“, denn ihre Kunst kann unabhängig von Bildung und Herkunft ganz direkt und individuell wahrgenommen werden. Sie schließt nicht aus, sondern lädt vielmehr ein. Sogar mitten in das Kunstwerk hinein.